Iskandreou
–der Perserjunge
Eine
Geschichte aus Malta
Von Cyril
Attenborough geschrieben in Malta in den Ferien mit José McDuff.
(Alles
in dieser Geschichte ist erstunken und erlogen, die Personen sind erfunden und
haben keinerlei Aehnlichkeit mit lebenden Personen. Die Handlung spielt im
tiefsten Mittelalter, achthundert Jahre vor unserer Zeit).
Selim
winkte mir. Ich sass traurig in einem Winkel. Selim ist der Küchenbursche meines
neuen Herrn, des Paschas von der Steilen Kliffe, ibn al Marusa ben la Galuda,
oder so was ähnliches. Er hatte mich im Sklavenmarkt beim königlichen Basar
gekauft und ich war nun plötzlich sein Eigentum. Ich sah ihn aber nie und er
wollte nichts von mir. Ich war so traurig. Denn eigentlich hatte ich mich wieder
einfangen lassen von den Piraten in der Hoffnung, sie würden mich dem Sultan
verkaufen als Lustsklave und ich würde meinen Lucien wieder finden, meinen
Lucien der mir so fehlte. Aber hier in diesem Harem bei Pascha Ali war ich
abgestellt und vergessen und es gab keine Möglichkeit für mich auszureissen.
Denn das Schloss Alis war auf einem Hügel weit weg von der Stadt, umgeben von
hohen Mauern und bot keine Möglichkeit zur Flucht. Und wenn ich meinen neuen
Herrn nicht sehen konnte, um ihn zu überzeugen, was für Möglichkeiten blieben
mir noch. Ich würde alt werden, gebückt und runzelig ehe ich Lucien wiedersehen
könnte, all mein Saft wäre vergeudet. Lucien würde nichts mehr von mir wollen,
und würde wahrscheinlich sterben bevor ich ihn wiedersehen konnte. Ich zog mich
zurück in die finsterste Ecke des Gartens und brütete, wie ich mir das Leben
verkürzen könnte. Was sollte ich tun, nicht mal das nötige Werkzeug hatte ich
dazu! Da sah mich Selim und verliebte sich in mich. Doch er gefiel mir gar
nicht, mit seinem Buckel, seinen herausstehenden Ohren, seinen O-Beinen und dem
Geruch der ihm immer anhaftete. Selim hätte mich schlagen können und
vergewaltigen. Er war viel stärker als ich, war der Neffe des Oberkochs. Er
hätte mich schlagen und vergewaltigen können ohne irgendwelche Konsequenzen
tragen zu müssen. Doch er tat mir nichts, versuchte um mich zu buhlen. Und da
wurde ich weich, wurde zärtlich zu ihm, so zärtlich wie man eben zu einem
ungeliebten kleinen Buben sein kann. Ich blieb eigentlich ziemlich kalt und er
hätte mehr erwartet. Deshalb fiel ihm ein mich in das Boudoir der ersten Frau
des Paschas zu führen. Und hier sah ich das Bild, das Bild von Lucien de
Chatelainprais, wie er auf dem Gemälde abgebildet war als junger Knabe neben
einem Grossmeister von Malta. Das Gemälde stammte von diesem feurigen und doch
so zärtlichen Italiener, einem bekannten Meister. Lucien schwärmte von ihm. Er
sei so schön! Aber er träumte nur davon wieder zurückzukehren in seine Heimat.
Lucien war bedeutend älter als auf diesem Bild. Und doch liebte ich Lucien so
sehr. Er aber hat mich vergessen. Ich weinte heisse Tränen denn immer noch liebe
ich Lucien. Wie wird es weiter gehen? Werde ich ihn je wieder sehen, Lucien. Ich
versuche mich zu trösten. Ich kenne ja nun Pascha Ali, den starken Prinz, den
Bruder des Sultans, des Prächtigen Süleiman und der ist ja so lieb zu mir! Und
er liebt mich. Aber er ist mir nicht so lieb wie Lucien. Und als ich ihn fragte,
sicher nicht direkt, umwunden, ob er Lucien kenne, ja, da eröffnete er mir das
Lucien mit dem Sultan zusammen auf einem Feldzug in der Walachei sei. Ich habe
sämtliche Hoffnung verloren Lucien wieder zu sehen. Denn in der Walachei hat’s
Geister, Vampire, die saugen uns allen das Blut aus. Da kommt man nie mehr
lebendig zurück.
Ich
bin ein Fischerjunge. Iskandreu, benannt nach meinem Vater. Meine Mutter sagt
mir, er sei Araber gewesen aus dem Zweistromland. Er war so schön, meine Mutter
hat sich sofort in ihn verliebt. Und wie das so ist, zwischen Mann und Frau, er
hat ihre Klitoris aufgeschnitten und sie vergewaltigt. Hat mich erzeugt und
gleich vergessen. Ist zurück zu seiner Frau und seinen Kindern gefahren.
Dorthin, wo man Allah besser anbeten kann. Weil es mehr von der gleichen Sorte
dort hat. Doch von dieser Sorte gibt es genug überall.
Meine
Mutter war eine uneheliche Tochter von Marie. Der blonde Erik, ein Wikinger aus dem
Eis des Nordens, hat die schöne Marie vom Fischer Ali, geschwängert weil er ja
das fürstliche Erstbegattungsrecht hatte. Er hat ja teuer gebüsst für seine
egoistische rücksichtslose Durchsetzung seiner Prärogative. Er war verhasst bei
uns, allen seinen Untertanen auf Malta. Und wie die Türken sich daranmachten,
die Insel für sich zu erobern, haben sie sich selbständig erhoben gegen den
Fürst, haben die Burg eingenommen, geplündert und den Erik erhängt. Und seine
Leiche geschändet. Den Penis und die Hoden abgeschnitten, wie mir meine
Grossmutter immer erzählte. Es war das erste Mal, dass sie so einen Penis sah
und es hat sie angeekelt. Haben den Türken den Schlüssel zur Burg übergeben. Die
Türken haben sich bedankt, indem sie alle männlichen Einwohner des Dorfes
aufknüpften, auch die kleinen Buben und die Frauen vergewaltigten. Doch meiner
Grossmutter gelang es, den Krieger, der sie ausgelost hatte, zu erdolchen
während der Geifer ihm aus dem Mund lief, wie er sich hinter den Büschen
dranmachte sie im geheimen zu vögeln und wegzurennen. In einem Fischerdorf, beim
Meer, liess sie sich nieder, heiratete Mehmet den Einäugigen, der so hässlich
und alt war, dass er keine Lust auf Liebe mehr hatte und zog meine Mutter
auf.
Meine
Mutter ist schön, hat blonde Haare und blaue Augen. Ich habe ganz schwarze Haare
und blaue Augen. Ich bin zierlich
gebaut und hübsch. Ja, und ich bin
stolz dass ich zierlich bin. Auch dass ich immer alles mit der linken Hand
mache. Ich habe schon gesehen, wie der Priester das Kreuz machte mit der rechten
Hand als er sah, wie ich mit der linken Hand ins Weihwasserbecken langte. Ich
hasse nichts mehr, als mich mit anderen dreckigen Buben auf dem Boden zu wälzen
und zu streiten, zu rammeln. Denn ihre Spiele arten immer unweigerlich aus zu
Rammeleien. Sie finden das schön am Spiel und mich ekelt das an. Denn ich habe
gerne Ordnung. Ich liebe Sauberkeit. Sie bezeichnen mich als "Feigling" als
Mädchen, weil sie das nicht verstehen und oft werde ich geschlagen. Überhaupt
fühle ich mich allein auf dieser Welt.
Meine
Mutter war allein, in Erwartung und brauchte einen Mann. Denn meine Grossmutter
hatte sie weggejagt, als sie erfuhr, das ihr das gleiche widerfahren war wie
ihr. Mein Stiefvater heiratete meine Mutter wegen ihrer Schönheit und wegen der
Hütte und ihrem Fischerboot. Er war im Norden in einem Bauerndorf aufgewachsen.
Er war ins Dorf eingewandert, gefiel meiner Mutter, obwohl er kein Geld hatte
und sofort hatte sich meine Mutter in ihn verliebt. Doch mein Stiefvater ist
faul. Er sitzt den ganzen Tag bei
Pedro in der Weinschenke und wenn er heimkommt, schlägt er mich und meine
Mutter. Ich weiss, er ist unfruchtbar. Dauernd liegt er auf meiner Mutter,
strampelt, schreit, wird ganz nass und nachher liegt er wieder faul auf der
Pritsche. Aber trotz seiner Mühe habe ich noch keine Brüdern oder Schwestern.
Meine Mutter konnte nicht fischen und mir oblag es, sie zu ernähren. Nachts fuhr
ich hinaus um zu fischen und tagsüber half ich meiner Mutter im Garten. So ging
es während meiner ganzen Kindheit. Kaum konnte ich mich aufrichten, auf meinen
Füssen mich bewegen, krampfte ich im Garten, jätete, hackte, rannte mit der
Spritzkanne herum und mein Stiefvater
schaukelte in der
Schlafmatte wenn er nicht gerade schlief. Doch eines Tages, es war in der
heissesten Tageszeit, wieder ertönte ein schnarchendes Geräusch von der Matte,
in einer Ecken kauerte meine Mutter und schluchzte, konnte ich es nicht mehr aushalten, es
trieb mich hinaus aufs Land, weg von diesem Elend. Ich hatte es satt, ewig auf
die Klagen meiner Mutter hören zu müssen. Ich hatte eigene Probleme mit mir,
eigentlich war ich bei den anderen Jungs eher Aussenseiter, fühlte mich auch
nicht wohl mit ihnen und mit den Mädchen konnte ich nichts richtiges anfangen.
Es war alles so im Aufruhr in mir, die Körpersäfte flossen in mir. Jedes mal, wenn ich Carlo sah, fühlte
ich, wie alles brannte und floss ihn mir.
Im Dorf getraute ich mich nicht es ihm zu sagen. Ich sass am Wegrand,
hinter einem Strauch und tat was man nicht offen zugibt und weinte gleichzeitig.
Ich wollte wegrennen, allem den Rücken kehren, doch ich getraute mich nicht
recht. Doch an jenem Tag wurde ich der weiteren Grübelei entlastet. Ein Häufchen
Betrunkener, angeführt von meinem Stiefvater überfiel mich. Mein Stiefvater
vergewaltigte mich. Nachher schlug er mich windelweich und liess mich liegen,
weil er glaubte, er hätte mich getötet. Doch dann kam Lucien vorbei, einer jener
Ritter, die aus dem Westen gekommen sind und an einen Heiligen Namens Christus
glauben. Offenbar gab ihnen dieser Glaube Bärenkräfte. Denn es waren diese
Ritter die die riesige Armee der Türken schlug und sie aus Malta vertrieb. Diese
grausamen Krieger des Sultans, die an nichts anderes Krieg and Grausamkeiten
dachten, sich den ganzen Tag in den Waffen übten wenn sie nicht assen. Auch
Alkohol tranken sie nicht, sie die die strengen Regeln Mohameds skrupulös
einhielten.
Lucien
sah mich bewusstlos liegen auf dem Ackerboden hinter dem Strauch. Er hob mich
auf und brachte mich in sein Krankenheim in Sanglea, ihrer neu erbauten Stadt.
Er selbst wachte neben meinem Bett, um mich zu pflegen. Wie ich aufwachte und
ihn sah, verliebte ich mich sofort in ihn. Nur er bemerkte es nicht. Ich glaube
alle übrigen Insassen des Krankenheims hatten es gemerkt. Schauten uns immer so
augenzwinkernd an. Er erwiderte meine Liebe nicht. Realisierte die schmachtenden
Blicke, die ich auf ihn warf, nicht. Wie ein Stein sass er neben mir. Wie viele
Tränen habe ich vergossen. Nachts, wenn er mich nicht sah und ich mich abwenden
konnte. Oder wenn ihn dieser Knecht abholte, dieser vierschrötige raue Kerl, in
den er offensichtlich verliebt war. Und sobald ich gesund war schickte er mich
heim. Ich kehrte heim zu Mutter und wollte fortfahren mit meiner normalen
Arbeit. Doch ich merkte bald, dass sich alles geändert hatte. Ich war ein Paria
geworden, niemand mochte mich mehr. Schon früher hatten sie mich nicht gemocht.
Doch jetzt trachteten sie regelrecht nach meinem Leben. Nachdem mich ein Kollege
geschlagen und in den Fluss geworfen hatte, hatte ich die Gewissheit dass sie
mich töten wollten. Ich wusste nichts anderes als nach Sangea zu flüchten, zu
Lucien. Ich erreichte die Stadt. Und konnte unbemerkt durch das Tor
hineinschlüpfen. Fragte jemanden nach dem Stadtschloss der Ritter von
Katalonien. Wollte dorthin gehen. Dort würde ich Lucien sicher treffen. Doch
bald kam ich in eine enge Gasse und wurde aufgehalten. Knappen in Uniform
standen Wache vor einem Riesenstein, in der Strasse wo er wohnte. Ich konnte
nicht lesen. Doch sie belehrten mich, dass das Betreten dieses Quartiers für uns
Einheimische verboten war. Ich wartete einfach beim Stein, dass Lucien
vorbeikam. Die Wächter schauten mich misstrauisch an, doch nachdem ich 3 mal
zurückgekommen war als sie mich wegjagten, gaben sie es auf. Doch Lucien kam
einfach nicht vorbei. Ich hatte Hunger. Ein dicker arabischer Krämer sah mich
und brachte mich zu sich heim. Er sagte er wolle mich pflegen. Ich folgte ihm
denn ich glaubte mich sicher. Er blickte mich mit lieben Augen an. Doch kaum
waren wir bei ihm zu Hause, schickte er seine Frau weg um Wasser zu holen,
schloss mich ein in sein Schlafzimmer und befahl mir, mich auszuziehen. In
höchster Not blickte ich um mich. Gottseidank hatte es im Zimmer ein Fenster.
Das war offen. Wieso? Weil es nötig
ist, wenn ich meine Geschichte so erzählen will dass ich davonkomme. Wie er sich
über mich neigte um mich auszuziehen, handelte ich blitzschnell. Gab ihm mit dem
Fuss einen Tritt in seinen Schoss. Sprang zum Fenster und stürzte mich hinab.
Ins Ungewisse. Wohin sonst? Es gab nicht anderes. Ich fiel nicht tief. Doch ich
verlor zuerst meine Sinne. Gottseidank war ich bald wieder wach und konnte um
mich schauen. Der Hintern tat mir weh, aber ich hatte nichts gebrochen. Ich sass
auf dem Boden in einer Gasse. Um mich herum liefen bewaffnete Krieger im
Harnisch, Bauern mit Kühen und Esel, Bäuerinnen mit Töpfen die sie auf dem Kopf
balancierten. So viele Leute. Die rannten an mir vorbei, sahen mich nicht. Ich war auf das Dach eines
Hühnerkäfigs gefallen. War hinabgerutscht in den Hof. Die Hühner gackerten wie
verrückt. Der Bauer sah mich, glaubte ich sei ein Dieb. Schrie Zetter und
Mordio. Ich hatte mich kaum erholt und musste sofort wegrennen, um mein Leben zu
retten. Der Bauer hinterher mit einem Prügel den er mir über den Rücken schlug.
Sofort rannten mir auch einige junge bewaffnete Krieger nach. Ich flüchtete in
eine Seitengasse. Doch jetzt war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Es war
eine Sackgasse. Ein Knäuel junger Leute stand herum. Sie ergriffen mich,
schlugen mich wieder bis ich bewusstlos war und warfen mich aus der Stadt.
Liessen mich auf einer Hauptstrasse am Strassenrand
liegen.
Doch
Allah oder der Christengott in seinem Lorbeerstrauch, ich weiss nicht genau wer
es war und halte mich lieber an beide, denn zwei sind sicherer als einer, hatten
noch nicht über meinen Tod beschieden. Denn jetzt, wie ich so verwundet dalag,
es mir so weh tat, dass ich mich nicht bewegen konnte, kam Lucien wieder vorbei.
brachte mich in ein Haus ausserhalb der Ritterstadt wo er die Bewohner kannte.
Dort wachte ich wieder auf, im Bett liegend, die Wunden gepflegt und
verbunden. Diesmal pflegte mich ein weiblicher Engel. In
einer Kutte einer Nonne. Sie sagte mir, sie sei Lucien’s Schwester. Mein Engel.
Ich konnte nicht mehr. Ich weinte. Wäre am liebsten gestorben und versuchte mir
eines Nachts das Leben zu nehmen. Sie überraschte mich und in meiner
Verzweiflung nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erklärte ihr dass ich
Lucien Liebte. Ich dachte mir, dass ich sowieso nicht mehr weiter leben mochte.
Sie würde mich nicht verstehen, mich ihren Ordenshöheren verraten und die würden
mich töten. Doch wie war ich überrascht. Sie gebot mir Stille und neigte sich zu
mir hinab. Während sie mir die Wunde die ich mir gemacht hatte neu verband
flüsterte sie mir ins Ohr, dass mich Lucien auch liebte. Plötzlich wollte ich
wieder leben. Es sang in meinem Innern. Lucien liebte mich, oh Glück, mich
einen Einheimischer aus unehelicher
Geburt. Mich den er immer so
schnöde links liegen liess. Lucien de Chatelainprais, ein Held, gut im
Kriegshandwerk und gefeiert, und er liebte mich. Doch so einfach war es nicht.
Mit Tränen in den Augen eröffnete sie mir, das falsche Weibsstück, das er mich
nicht besuchen konnte im Kloster. Ich glaubte ihr, obwohl es mir schien, dass
genügend verkleidete junge Männer im Kloster herumliefen. Es wimmelte von
Gärtnern und wenn man genau hinsah, sah man, dass diese „Gärtner“ nicht einmal
wussten wie man eine Spitzhacke richtig trug. Sie schleppten sie hinter sich
her, wie ein Schweizer Krieger eben eine Hellebarde hinter sich her schleift.
Doch ich wollte ihr glauben und die Nonne, seine Schwester, brachte mich
heimlich weg, in ein Gutshaus, das, wie sie sagte, einem Freund Luciens gehörte.
Sie liess mich zurück unter der Obhut des Verwalters. Doch der sah mich
missmutig an. Es war der arabische Krämer, der mich hatte missbrauchen wollen,
das erste Mal, als ich Lucien suchte. Er pfiff durch die Zähne und sah mich
voller Mitleid an. Er nahm mich beiseite und zeigte mir das Bild, das ich eben
wieder in Istanbul beim Pascha Ibn Ali eros colossal wiederfand. Der abgebildete
Knabe war Lucien wie er vor Jahren gewesen war. Er drehte es um. Dahinter war
eine handschriftliche Notiz. Ich kann nicht sonderlich gut lesen. Aber die Namen
konnte ich lesen, es stand der Name des Grossmeisters den ich verschweigen will
und nicht Lucien de Chatelainprais als zweiter Name, nein, sondern Ruiz de la
Valla. Der dicke Krämer lachte. Milchbruder Karl V. sei Ruiz, erklärte er mir.
Die beiden hätten eine tiefe Freundschaft miteinander entwickelt, zum Missmut
vom Beichtvater Karls, der Benediktiner war und als Inquisitor die Sünder
innerhalb der Kirche ausrotten wollte. Karl handelte aus, dass Ruiz gegen ein
Lehen der Insel Malta als Vizegrossmeister des Ordens aufgenommen wurde.
Das
war für mich zu gefährlich. Vizegrossmeister wurden meist von der Inquisition
bewacht und der Verwalter wusste über unsere Freundschaft. Ich flüchtete. Der
lachende dicke Krämer lieh mir den Shador und den Rock einer Frau. Verkleidet
als Frau kehrte ich zurück zu
meinem Dorf.
Die
anderen lassen mich jetzt in Ruhe, ich bin der Bechtai, eigentlich verachtet
doch auch gefürchtet. Denn der Geist, der mit mir verheiratet ist, beschützt
mich. Doch Mustafa, der Stiefvater,
der mich immer missbrauchte, und den meine Mutter endlich weggejagt hatte,
verschmachtete nach mir. Heimlich des Nachts schlich er sich zu der Hütte, wo
ich schlief. Band mich fest. Entführte mich in einem Boot und wollte mich wieder vergewaltigen.
Doch er war zu faul um selbst zu rudern. Kaum einige Meter draussen, auf dem
Meer, löste er meine Banden und befahl mir zu Rudern. Ich erschlug ihn mit dem Ruder. Seine
Leiche fiel seitwärts ins Meer und das Boot kenterte. Mit Mühe konnte ich auf
den Kiel steigen und mich rittlings darauf setzen. Doch ich konnte nicht
steuern. Wurde von den Strömungen des Meeres die ganze Nacht lang getrieben und
landete auf dem Sandstrand eines mir unbekannten Fischerdorfes. Dort kroch ich
ans Land und wurde von einer lieben Witwe aufgenommen. Wieso gerade ich. Der
Perverse. Ich weiss es nicht. Kann es mir nur erklären dass es war, weil sie
mich nicht kannte. Und nicht wusste, dass sie den Teufel in Person bei sich
aufgenommen hatte. Sie musste es bitter bereuen. Denn Gott sandte die gerechte
Strafe und traf alle Unschuldigen, wie er es hinter seinem Dornenbusch sitzend
nicht besser kann.
Das
Dorf wurde von arabischen Seeräuber überfallen. Sie ermordeten die Männer und
nahmen Frauen und Kinder als Beute mit. Meine Witwe erschlugen sie mit der
Schiffstange weil sie nicht annahmen, dass sie für sie viel einnehmen würden auf
dem Sklavenmarkt und deshalb nicht durchfüttern wollten. Und mir half der
Teufel. Während sie sich mit der Witwe befassten, konnte ich unerkannt flüchten,
nahm ein Boot und wollte nach nach Gozo rudern. Doch ich kam nicht weit. Ich
hatte ein dringendes Bedürfnis und musste zurück an Land. Als ich anlegte dort
am Strand und der Strasse entlang ins Landesinnere lief, hörte ich Schreie,
Waffengeklirr und sah am Horizont Feuersflammen. Die Piraten waren mir gefolgt!
Wieder half mir der Teufel. Und ich muss sagen, lieber lasse ich mich vom Teufel
helfen als dass ich vergewaltigt werde während der Christengott hinter dem
Dornenbusch versteckt zuschaut! Ich kauerte gerade im richtigen Augenblick
hinter den Büschen und drückte, als ich sah wie alle Dorfbewohner gefesselt auf
der Strasse zum Hafen getrieben wurden und auf Schiffe verladen wurden. Kaum war
es wieder ruhig, rannte ich schnell wieder zurück zum Strand wo ich mein Boot
gelassen hatte. Dem Teufel sei dank, es hatte es noch niemand gesehen. Ich
ruderte schnell wieder ins Meer hinaus. Die Araber bemerkten mich nicht, weil
sie anderes zu tun hatten. Auf Gozo
ginge ich dann an Land, vergrub das Schiff im Sand und versteckte mich wieder
hinter de4n Büschen. Sie kamen zwar auch nach Gozo, fanden mich aber nicht. Ich
hörte später, dass sie die Frauen und Kinder wieder mitnahmen und ind den
zwischendurch angelaufenen Häfen als Sklaven verkauften. Mich fingen sie nicht.
Ich wanderte weiter bis nach Rabat.
Dort
fand ich Unterschlupf in einer Höhle.
Dann las mich Ali auf. Er war jung, in der Blüte und so schön. Ich
verliebte mich in ihn, vergass mich selbst. Wir taten uns zusammen und bettelten
und stahlen in den Gassen. Bis ich plötzlich wieder von Ruiz entdeckt wurde. Er
liess mich einfangen und nahm mich wieder auf bei sich. Er brachte mich wieder
nach Sengrea. Er liess mich taufen, nannte mich Manuel und lehrte mich die
spanische Sprache, gab mir Bücher über die Geschichte und die Religion zum
Lesen. Plötzlich teilte er mir mit, er müsse weg, um eine MissionsExkursion in
heidnische Gebiete zu leiten. Hinter der Hand teilte er mir mit, dass das hiess
auf der afrikanischen Küste zu rauben und zu plündern. Frauen und Kinder zu
versklaven und teuer zu verkaufen. Denn damit beschafften die Verteidiger der
Kirche, die christlichen barmherzigen Ritter, sich Geld um Waffen zu beschaffen und sich
Türken vom Hals zu halten. Er überliess mich wieder der Obhut seines Verwalters.
Dieser warf mich hinaus, verkaufte mich an einen syrischen Händler als Sklaven. Er rechnete sich vor, er könne mich an
den Hof von Istanbul verkaufen. Der Sultan, Suleiman der Prächtige, liebte nicht
nur Frauen, sondern als besondere Leckerbissen auch jüngere Männer. Vornehmlich
Christen zogen ihn an, weil er sich dann vorstellen konnte, wie er seine Feinde
vögelte. Starke christliche Sklaven
wurden auch sexuell invalid gemacht und dienten ihm dann als Janitscharen. Sie
hatten nichts mehr zu verlieren und waren besonders tapfere und rücksichtslose
Kämpfer.
Doch
der Kapitän des Schiffes verliebte sich in mich. Ich habe den Matrosen und
Offizieren von meinem ehemaligen Liebhaber erzählt. Der Kapitän wässerte im
Hafen von Byzanz. Die Offiziere entführten mich, als der Kapitän sich komplett
besoffen hatte. Entführten mich an Land, weil sie mich für teures Geld dem
ehemaligen Verwalter von Ruiz’ Landhaus, der an den Hof von Suleiman dem
Prächtigen geflüchtet war und dort eine hohe Position bekleidete verkaufen wollten.
Der lieh mich zwischendurch an Suleiman aus der ja auch Freude an Jünglingen hat
es aber nicht öffentlich zeigen kann. Sie wollten mich kastrieren doch wie durch
ein Wunder entkam ich. Ich hörte später, dass mich die Mutter Süleimans selbst
in Schutz genommen habe und Süleiman überzeugt habe, mir die Männlichkeit zu
lassen. Sie schaute mich immer so lüstern an. Und ich schlüpfte auch unter ihre
Bettdecke. Gottseidank wurde sie vergiftet bevor sie mich satt hatte und mich
wie viele andere vor mir vergiftet hätte. Ich wurde eingezogen in Süleimans
Garde, mitgenommen für den Feldzug zur Rückeroberung von Malta, den mein Freund,
der ehemalige Verwalter befehligte. Er starb vergiftet von Janitscharen auf dem
Feldzug. Sie wollten mich opfern,
weil ich den geheimen Eingang nach Sangrea nicht verraten wollte. Immer noch
liebte ich Lucien, respektive Ruiz und wollte ihn nicht in den sicheren Tod
verraten. Sicher wäre er so dumm und würde sich nicht ergeben oder flüchten,
würde kämpfen bis zum sicheren Tod. Ich wollte Lucien oder eben Ruiz nicht
verlieren. Die Flucht gelang mir und ich kam auf abenteuerlichen Wegen in die
Ritterburg wo ich Lucien suchte. Ich fand ihn und wir feierten unser
Wiederfinden und es war sicher schöner als es je gewesen war, weil ich viel
gelehrt hatte, am lasterhaften Hof des türkischen Sultans, besonders von der
Mutter Süleimans und ihren Kurtisanen.
Als
die Türken angriffen, kämpften wir Seite an Seite, ich habe mich freiwillig
gestellt, weil sie alle Männer brauchten. Ich kämpfte gegen die Türken. Lucien
geriet in Gefangenschaft. Lange glaubte ich, er sei tot. Ich hörte, sie wollten
ihn wie die anderen Gefangenen kreuzigen und auf dem Kreuz im Wasser schwimmen
lassen. Doch er wurde gerettet von einem Türken und wollte fliehen, wurde aber
wieder von Piraten gefangen und nach Istanbul gebracht. Ich kehrte auf
abenteuerlichen Wegen zurück nach Istanbul um ihn zu suchen. Leider habe ich ihn
bis jetzt nicht gefunden.