Iskandreou – der Perserjunge
 
Eine Geschichte aus Malta

Von Cyrill Attenborough geschrieben in Malta in den Ferien mit José McDuff.

(Alle Personen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden und haben keinerlei Bezug zu lebenden Personen)

Ich kauerte traurig und niedergeschlagen in einem Winkel des Hofes des Harems. Der Springbrunnen in der Mitte plätscherte, die Vögel auf den Bäumen ringsherum zwitscherten, die Sonne schien. Nur um mich herum schien alles Nacht zu sein, kein Stern prangte am dunklen Himmel, kein Mond schien und erhellte meine dunkle Seele. Selim trat aus der Küche und winkte mir fröhlich. Er lachte. Wahrscheinlich lachte er mich aus, denn er hatte mich reingelegt auf dem Sklavenmarkt. Selim ist der Küchenbursche meines neuen Herrn, des Paschas von der Steilen Kliffe, ibn al Marusa ben la Galuda, heisst er, oder so was ähnliches, ich kann diese langen unverständlichen Namen nie behalten. Er hat mich im Auftrag von einer unbekannten Person im Sklavenmarkt beim königlichen Basar gekauft. Wie ich so auf der Plattform ausgestellt war, bereit für die Versteigerung als die edelste Ware des Auktionators und zitterte weil ich nicht wusste, welches Schicksal mich jetzt ereilen würde, erschien er plötzlich vor mir und weckte falsche Hoffnungen in mir. Wie er mich peinlichst untersuchte, meine Haut abtastete auf eventuelle Narben, Geburtsmerkmale oder Unregelmässigkeit, meine glänzenden weissen Zähne untersuchte, ob sie auch alle gesund seien, meine Zehen- und Fingernägel genau betrachtete um sich zu vergewissern, dass sie auch glatt und makellos waren, hatte er sich zu meinem linken Ohr geneigt und geflüstert, er sei hier, geschickt von Luciens, um mich zu kaufen und mich zu ihm zu bringen.  Dann ersteigerte er mich, wie ich vom Händler nach und nach erregt wurde bis mein Glied zu meiner Schande steif und waagrecht hinausstand, bis ich wippte mit dem Hintern, in den der fiese Kerl mir eine exakte Nachbildung des Penis des Paschas aus Ebenholz gesteckt hatte. Zu einem stolzen Preis, das muss ich sagen, hat er mich ersteigert, obwohl ich alles daran setzte, den anderen Bietern zu zeigen, dass ich nur an ihn verkauft werden wollte, dass es keinen Sinn hatte für sie, mitzusteigern.  Natürlich fragte ich mich, wie Lucien alles dieses Geld hatte sparen können, denn ich hatte gehört, er sei gewöhnlicher Sklave. Alles war aber nur Lug gewesen, ich weiss es jetzt, Lucien hat nie gewusst, dass ich ihm nachgegangen war und mich als Sklave verkaufen liess, hoffend, dass mich der Kalif auch kaufen würde. Lucien war, wie ich viel später hörte, der persönliche Sklave der Mutter des Sultans und durfte das Gemach, wo er untergebracht war, nie verlassen. Ich sah ihn nie und er hat soviel ich weiss, nie nach mir gefragt, leider. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass ich auch beim Pascha im Harem sass, obwohl ich schon mehrere Eunuchen bestochen hatte, teuer bestochen hatte, damit sie es ihm sagten. Ich war so traurig. Denn eigentlich habe ich mich freiwillig in die Gefangenschaft der Piraten begeben, in der Hoffnung, sie würden mich dem Sultan verkaufen als Lustsklave und ich würde meinen Lucien wieder finden, meinen Lucien der mir so fehlte. Selim hat es mir versprochen, an diesem denkwürdigen Tag auf dem Sklavenmarkt, wo ich mich so schämte und den ich nie vergessen werden, dass er mich im Namen des Paschas für Lucien kaufte, doch es war alles erlogen! Hier in diesem Harem bei Pascha Ali bin ich gestrandet und in Vergessenheit geraten, niemand beachtet mich, ich bin wie Luft für die anderen. Eine Erlösung für mich wird es nicht geben, das weiss ich, denn es ist mir unmöglich zu fliehen, obgleich ich es unzählige Male versucht habe. Denn Pascha Alis lebt auf einem Hügel oberhalb von hohen Felsen weit weg von der Stadt, sein Palast ist umgeben von hohen Mauern und die bieten mir nicht die geringste Möglichkeit zur Flucht. Die Eunuchen, die uns bewachen, sind alle taubstumm und es gibt keine Möglichkeit, sie dazu zu überreden, mir zur Flucht zu verhelfen. Geld ist ihnen egal, sie haben schon genug und sind ausserdem so fies, dass sie es annehmen und mich danach verraten. Ich hatte es schon versucht, mehr als einmal, kann ich Euch versichern und sie haben mich jedes Mal dem Oberaufseher über die Schlüssel des Harems verraten und ich wurde gepeitscht, rot und blutig gepeitscht, auf der Peitschbank, der teuren, geschnitzt aus edlem Holz, versehen mit Intarsien, die das Gesicht des edelmütigen Kalifen und seines Paschas zeigen, mit Peitschen, die Nägel an den Seilen haben und ich habe meine Lungen ausgeschrien dabei. Nicht, das mich das abhalten würde, die Flucht wieder und wieder zu versuchen, denn mein Körper ist mir bedeutend weniger Wert als die Nähe zu Lucien! Schlimmer noch, der Pascha, mein neuer Herrn, ignoriert mich, ich habe ihn, seit den Tagen oder vielmehr Monaten, seitdem ich hier bin, nie zu Gesicht bekommen! Wenn ich ihn sehen würde, gelobe ich mir,  würde ich alles unternehmen, um ihn zu überzeugen, mich zum Sultan zu bringen, auch wenn es mir zusätzliche Prügel einbringen würde. Doch ohne Möglichkeiten, aus dem Harem zu entrinnen, ohne Möglichkeiten, meinen Herrn, den Pascha zu überreden, mich herauszulassen aus dem Harem, was für eine Möglichkeit bleibt mir noch, endlich Lucien zu sehen! Keine, natürlich. Ich bin dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit hier in diesem Seitentrakt des Harems dahinzuvegetieren, wo der Pascha nie hinkommt, werde alt werden, gebückt und eine runzelige Haut bekommen, ehe ich Lucien wiedersehen würde. Würde Lucien von mir etwas wissen wollen, wenn ich in diesem Zustand bin? Nein, sicher nicht, auch ich würde an seiner Stelle nichts von einem verunzelten Alten wissen wollen, ich würde aus Gram sterben! Nein, da war es besser,  ich würde sterben, bevor ich ihn wiedersehen konnte. Wie ich wieder aus meinem Brüten erwache, ist Selim weg. Ich ziehe mich zurück in den Garten dort, wo alles überwuchert ist von dornigen Büschen, lasse mich meinen bis auf einen kitzekleinen Lendenschurz nackten Körper zerkratzen von den Dornen und brütete, wie ich mir das Leben verkürzen könnte. Ich will Schmerzen verspüren, will Sühne leisten für meine Unfähigkeit, Lucien zur Seite zu stehen! Ich überlege, wie ich diesem unseligen Leben ein Ende setzen könnte. Doch was sollte ich tun, nicht mal das nötige Werkzeug hatte ich dazu! Alle spitzen Gegenstände hatte man uns weggenommen, damit wir uns ja nichts antun konnten, die Giftsträucher wie die Belladonna waren alle ausgerupft worden. Wir waren da um dem Pascha das Leben zu versüssen, er hatte viel Geld ausgegeben für uns und seine Eunuchen hatten die Aufgaben, uns Tag und Nacht zu überwachen, damit wir nicht ausreissen konnten oder uns das Leben nehmen konnten. Das war verständlich, eigentlich und ich war eigentlich aus eigenem Willen in dieses Gefängnis geraten, ich konnte niemandem einen Verwurf machen.

Wie mich Selim gekauft hatte und heimbrachte vom Markt, verliebte er sich in mich. Doch er gefiel mir gar nicht, mit seinem Buckel, seinen herausstehenden Ohren, seinen O-Beinen und dem Geruch der ihm immer anhaftete! Natürlich hätte mich Selim schlagen können und hätte mich vergewaltigen können. Er war viel stärker als ich konnte mich zu allem zwingen, was ich nicht wollte und dazu war er der Neffe des Oberkochs. Er hätte es tun können, hätte mich töten und vergraben können in einem Loch in diesem Dornengebüsch, ohne dass ihm irgendwer zur Rechenschaft gezogen hätte. Doch er tat mir nichts und das ist mir bis jetzt unerklärlich und macht mir Angst. Natürlich versucht er dauernd, um mich zu buhlen. Manchmal werde ich weich, habe Mitleid mit ihm, werde sogar zärtlich zu ihm, so zärtlich wie man eben zu einem ungeliebten kleinen Buben sein kann. Doch immer kommen mir nachher Gewissensbisse, ich habe das Gefühl, Lucien zu hintergehen. Ich peitsche mich dann selbst oder benehme mich so ungehorsam gegenüber meinen Wächtern, dass sie mich strafen. Denn ich muss gestraft werden, für mein nachgiebiges Gemüt! Im nachhinein schlüpfe ich dann immer unter die Dornenbüsche, erbreche mich und weine stundenlang. Meist aber bleibe ich kalt ihm gegenüber und habe auch wieder Gewissensbisse, weil ich so böse bin zu ihm und dann übermannt mich wieder das Bedürfnis, mich zu bestrafen. Und wenn er wieder sieht, wie ich mich selbst kasteie wird ihm wieder übel. Wenigstens nehme ich es an. Er wird dann immer lieber und zärtlicher zu ihm und ich immer abweisender. Einmal ist es ihm eingefallen mich in das Boudoir der ersten Frau des Paschas zu führen. Und hier sah ich ein Bild, das mich an jemanden erinnerte. Doch es wäre mir nicht eingefallen, was es sein konnte. Selim musste es mir sagen. Es war das Bild von Lucien de Chatelainprais, wie er auf dem Gemälde abgebildet war als junger Knabe neben einem Grossmeister von Malta. Selim hatte mir Freude machen wollen. Und er hat mir eigentlich Schmerzen und Mühen bereitet und ich zahlte ihm das heim, indem ich ihn die folgenden Tage noch ekelhafter behandelte als ich es früher getan hatte. Er hätte mich einfach streicheln können, mich schlagen, wenn ich ihm auswich, das ist klar. Doch er tat es wieder nicht. Das Gemälde stammte von diesem feurigen und doch so zärtlichen Italiener, der so verliebt war in mich, einem bekannten Meister, wie mir Lucien versicherte, er war befreundet mit dem Papst, vielen Erzbischöfen und besonders von dem Kardinal der eigentlich das sagen hatte im Vatikan, der sammelte alle seine Gemälde und half ihm aus der Patsche, jedesmal, wenn er wieder zu viel trank und Händel anfing und ins Gefängnis kam. Denn einen liederlichen Lebenswandel hatte dieser Maler, der einen Namen trägt, der mit C. anfängt. Er war verliebt, wie mir Lucien versicherte, in einige der schlimmsten Strichknaben Roms, die ihn ausnützten und trotzdem schwärmte Lucien von ihm. Er behauptete, er sei so schön! Lucien war verliebt in ihn, aber er hat ihn nie eigentlich erhört. C. träumte nur ewig davon wieder zurückzukehren in seine Heimat, aus der er hatte nach einem Händel der mit einem Todesfall geendet hatte, flüchten müssen. Lucien war natürlich bedeutend älter als ich ihn zum ersten Mal kennen lernte, als er auf diesem Bild ist. Ich verliebte mich sofort in ihn, obwohl er so viel älter ist als ich. Er jetzt, da bin ich mir sicher, hat er mich vergessen. Ich weinte und weine immer noch heisse Tränen um ihn, denn immer noch liebe ich nur Lucien. Wie wird es weiter gehen? Werde ich ihn je wieder sehen, meinen Schatz, meinen Lucien.

Ich versuche mich zu trösten indem ich an etwas anderes denke. Ich kenne ja nun Pascha Ali, den starken Prinz, den Bruder des Sultans, des Süleiman, des Prächtigen und der ist ja so lieb zu mir! Und er liebt mich. Er hat mich gesehen, wie er mich sah, kauernd in der Ecke des Hofes des Harems des Paschas, als er diesen mal besuchte. Seitdem lässt er keine Gelegenheit aus, mich zu besuchen. Aber auch zu ihm bin ich kalt, nicht so kalt wie zu Selim, aber immerhin, denn er ist mir nicht so lieb wie Lucien. Und als ich ihn fragte, sicher nicht direkt, umwunden, ob er Lucien kenne, ja, da eröffnete er mir, das Lucien mit dem Sultan zusammen auf einem Feldzug in der Walachei sei. Der Verräter! Während ich mich gräme und auf ihn warte, amüsiert er sich in den Armen dieses Pfaues und verschwendet keine Träne für mich. Ich habe sämtliche Hoffnung verloren Lucien wieder zu sehen. Denn in der Walachei hat’s Geister, Vampire, die saugen uns allen das Blut aus. Da kommt man nie mehr lebendig zurück. Und wenn, und obwohl mir Ali versicherte, dass Lucien ihm gegenüber immer wieder von mir gesprochen habe und er mich deshalb aufgesucht hätte beim Pascha, ich glaube es ihm nicht!

Ich bin ein Fischerjunge. Iskandreu nach meinem Vater wurde ich benannt. Doch gekannt habe ich diesen meinen Vater nie. Meine Mutter sagt mir, er sei Araber gewesen habe gewohnt in der Stadt mit den hängenden Gärten, der glänzenden Mauer und den siebentausend Türmen und sei mit dem Heer des Sultans gekommen, als dieser wieder einmal versuchten, Malta zu erobern. Er sei so schön gewesen, und so lieb und zärtlich, sagt meine Mutter, sie habe sich sofort in ihn verliebt. Und wie das so ist, zwischen Mann und Frau, wie es die Sitte will im Zweistromland, er hat sie umarmt, sie geküsst und gestreichelt und sofort, ohne Vorwarnung, ihre Klitoris aufgeschnitten und in sie gedrungen. Sie hat ihr ganzes Leben nur noch geträumt von diesem Moment, wo er sie genommen hat, so hart, so ohne Gefühl. Und deshalb wurde ich gezeugt, quasi als Nebenprodukt. Gleich nachher zog die Armee des Kalifen ab und er hat meine Mutter und mich, das Produkt seiner Lenden, immerhin, sofort und unwiederbringlich vergessen. Ist zurück gesegelt und marschiert zu seiner Frau und zu seinen Kindern mit denen er sicher seitdem glücklich lebt. Dorthin zurück, wo Mal der Turm von Babel gebaut wurde, der Region, wo Gott zu Adam sprach und wo man Allah sicher besser anbeten kann als in Malta, wo die Ungläubigen herrschen. Weil es mehr von der gleichen Sorte dort hat. Doch von dieser Sorte gibt es genug überall, denke ich und will keinen Gedanken mehr verschwenden für diesen Egoisten!

Meine Mutter war eine uneheliche Tochter von Marie.  Der blonde Erik, der Graf von Öderland, ein Wikinger aus dem Eis des Nordens, mit eisblauen Augen und strohblonden Haaren, hat die schöne Marie, die einzige Tochter des Fischers Ali, geschwängert weil er ja das fürstliche Erstbegattungsrecht hatte. Er hat ja teuer gebüsst für seine egoistische rücksichtslose Durchsetzung seines Prärogativs. Er war verhasst von allen seinen Untertanen auf Malta. Und wie die Türken sich daranmachten, die Insel für sich zu erobern, haben sie sich selbständig erhoben gegen den Fürst, haben die Burg eingenommen, geplündert und den Erik erhängt. Und seine Leiche geschändet. Den Penis und die Hoden haben sie ihm abgeschnitten, wie mir meine Grossmutter immer erzählte. Es war das erste Mal, dass sie so einen Penis sah und es hat sie angeekelt. Die Einwohner der Insel haben ihre Herren verraten und haben den Türken den Schlüssel zur Burg übergeben. Alle Wikinger wurden hinterrücks ermordet. Die Türken ihrerseits haben sich bei den Einwohnern der Insel bedankt, indem sie alle männlichen Einwohner des Dorfes an Zweigen aufknüpften, die kleinen Buben entmannten und in ihre Janitscharenarmee eingliederten und die Frauen vergewaltigten. Doch meiner Grossmutter gelang es, den Krieger, der sie ausgelost hatte, zu erdolchen, während er über ihr sass und sie abzog und der Geifer ihm aus dem Mund lief, hinter den Büschen und sich darauf freute, sie im geheimen zu vögeln und anschliessend in die Festung zu gehen um mit den anderen zu festen. Sie ist weggerannt von diesem blutenden Leichnam, meine Grossmutter, ohne sich überhaupt zu getrauen, hinter sich zu schauen und hat erst innegehalten als sie vom Meer aufgehalten wurde und nicht mehr weiterkonnte. In einem Fischerdorf liess sie sich nieder, heiratete Mehmet den Einäugigen, ein Fischer, der so hässlich und alt war, dass er keine Lust auf Liebe mehr hatte, gebar meine Mutter und zog sie auf.

Meine Mutter ist schön, hat blonde Haare und blaue Augen. Ich habe ganz schwarze Haare und blaue Augen. Ich bin  zierlich gebaut und hübsch.  Ja, und ich bin stolz dass ich zierlich bin obwohl mich meine Kameraden deshalb immer ausgelacht haben. Auch dass ich immer alles mit der linken Hand mache. Ich habe schon gesehen, wie der Priester das Kreuz machte mit der rechten Hand, als er sah, wie ich mit der linken Hand ins Weihwasserbecken langte. Ich passe auch nicht zu meinen Kameraden, diesen Fischerflegeln, ich hasse nichts mehr, als mich mit anderen dreckigen Buben auf dem Boden zu wälzen und zu streiten, zu rammeln. Denn ihre Spiele arten immer unweigerlich aus zu Rempeleien. Sie finden das schön am Spiel und mich ekelt das an. Denn ich liebe Sauberkeit und Ordnung. Ich sitze stundenlang unter einem Baum und lese in einem Buch. Sie bezeichnen mich als "Feigling", als verderbtes Mädchen, weil sie das nicht verstehen und oft werde ich geschlagen. Überhaupt fühle ich mich allein auf dieser Welt. 

Meine Mutter war allein, hat mich im Bauch und brauchte einen Mann der sie schützen und ernähren würde. Denn meine Grossmutter hatte sie weggejagt von zuhause, als sie erfuhr, dass ihr das Gleiche widerfahren war wie ihr. Sie traf meinen Stiefvater und der hat sie geheiratet weil sie das schönste Mädchen war weit und breit und weil er darauf spekulierte, wenn meine Grossmutter, die bereits sehr alt war, gestorben war, die Hütte und das Fischerboot zu erben. Er war im Norden in einem Bauerndorf aufgewachsen. Er war ins Dorf eingewandert, gefiel meiner Mutter, obwohl er kein Geld hatte und sofort hatte sich meine Mutter in ihn verliebt. Doch mein Stiefvater ist faul. Er sitzt  den ganzen Tag bei Pedro in der Weinschenke und wenn er heimkommt, schlägt er mich und meine Mutter. Ich weiss, er ist unfruchtbar. Dauernd liegt er auf meiner Mutter, strampelt, schreit, wird ganz nass und liegt danach wieder faul auf der Pritsche bis er sich wieder erhebt und ins Wirtshaus geht. Aber trotz der Mühe die er sich gibt mit meiner Mutter, habe ich noch keine Brüdern oder Schwestern. Meine Mutter kann nicht fischen die anderen Fischer würden es ihr nicht erlauben, mit dem Boot ins Meer hinauszufahren, denn das ist nur Männersache, sagen sie. Mir oblag es deshalb, meine Mutter und meinen Stiefvater und natürlich auch mich nebenher zu ernähren. Seit meinem zehnten Altersjahr bin ich nachts hinaus gefahren mit dem Boot um zu fischen und half meiner Mutter tagsüber im Garten. So ging es während meiner ganzen Kindheit. Kaum konnte ich mich aufrichten, hatte ich gelernt mich auf meinen Füssen vorwärtszubewegen und hatte ich einige Kraft in den Muskeln, krampfte ich im Garten, jätete, hackte, rannte mit der Spritzkanne herum.  Mein Stiefvater schaute zu, schaukelte sich schlafend in der Schlafmatte wenn er nicht meine Mutter vögelte oder im Wirtshaus sass. Ich bin herzlich wenig dazu gekommen, unter dem Schatten eines Baumes ein Buch zu lesen, wie ich es vorhin sagte! Denn immer trieb mich meine Mutter zur Arbeit. Doch eines Tages, es war in der heissesten Tageszeit, wieder ertönte ein schnarchendes Geräusch von der Matte und in einer Ecke der Hütte kauerte meine Mutter und schluchzte, konnte ich es nicht mehr aushalten, es trieb mich hinaus, weg von dieser kärglichen Hütte, von diesem trockenen Garten, den man immer begiessen musste und der trotzdem immer wenig abwarf, weg von diesem besoffenen und geilen Vater, weg von diesem Elend! Ich hatte es satt, ewig auf die Klagen meiner Mutter hören zu müssen. Ich hatte eigene Probleme, fühlte mich eigentlich nicht wohl in meiner Haut, fühlte irgendein Drängen in mir, mit jemandem zärtlich zu sein, war bei den anderen Jungs unbeliebt, beschimpft als ein Aussenseiter. Mit den Mädchen des Dorfes, die eigentlich ganz nett waren zu mir, konnte ich nichts Richtiges anfangen. Es war alles so in Aufruhr in mir, ich fühlte wie meine Körpersäfte flossen und wie es siedete in mir und trotzdem kein Feuerwehrmann da war das Feuer zu löschen.  Jedes mal, wenn ich Carlo sah, fühlte ich, wie alles in mir brannte.  Ich wusste, ich liebte ihn. Doch wie sollte ich es ihm sagen? Im Dorf getraute ich mich nicht, ihm nahe zu kommen, ich und er wären von den anderen geschlagen worden, dessen war ich mir sicher. Ich sass am Wegrand, hinter einem Strauch, streichelte mich und tat, was man nicht offen zugibt. Gleichzeitig weinte ich. Ich wollte wegrennen, allem dem, was mich so anekelte, den Rücken kehren, doch ich getraute mich nicht recht. Doch an jenem Tag wurde ich der weiteren Grübelei entlastet. Ein Häufchen Betrunkener, angeführt von meinem Stiefvater, überfiel mich. Mein Stiefvater vergewaltigte mich. Nachher schlug er mich windelweich bis ich bewusstlos wurde und liess mich liegen, weil er glaubte, er hätte mich getötet. Doch dann kam Lucien vorbei, einer jener Ritter, die aus dem Westen gekommen um Malta aus den Händen der Ungläubigen zu befreien und an einen Heiligen Namens Christus glauben. Offenbar gab ihnen dieser Glaube Bärenkräfte. Denn es waren diese Ritter, die die riesige Armee der Türken schlug und sie aus Malta vertrieb. Diese grausamen Krieger des Sultans, die an nichts anderes als an Krieg und Grausamkeiten dachten, sich den ganzen Tag in den Waffen übten, wenn sie nicht assen und tranken, schlugen sie in die Flucht..

Lucien sah mich bewusstlos liegen auf dem Ackerboden hinter dem Strauch. Er hob mich auf und brachte mich in sein Krankenheim in Sanglea, ihrer neu erbauten Stadt. Er selbst wachte Tag und Nacht neben meinem Bett, um mich zu pflegen. Wie ich aufwachte und ihn sah, verliebte ich mich sofort in ihn. Der Haken daran war, dass er es nicht bemerkte. Alle übrigen Insassen des Krankenheims hatten es gemerkt und lachten hinter seinem Rücken über mich während sie mich augenzwinkernd anschauten. Nein, Lucien erwiderte meine Liebe nicht. Er bemerkte nicht einmal die schmachtenden Blicke, die ich auf ihn warf. Wie ein Stein sass er neben mir. Wie viele Tränen habe ich vergossen. Nachts, wenn er mich nicht sah und ich mich abwenden konnte. Oder wenn ihn dieser Maler abholte, dieser vierschrötige raue Kerl, der die Hälfte der Zeit besoffen war und sich so primitiv ausdrückte und in den er offensichtlich verliebt war. Der Maler dessen Name mit „C“ anfängt, und er Italiener ist, weiss ich jetzt. Und sobald ich gesund war schickte er mich heim. Ich kehrte heim zu Mutter und wollte fortfahren mit meiner normalen Arbeit. Doch ich merkte bald, dass sich alles geändert hatte im Dorf. Ich war ein Paria geworden, niemand mochte mich mehr. Niemand liebte die christlichen Ritter. Sie waren Ungläubige! Schon früher hatten sie mich nicht gemocht und mich als jemanden, der verschieden war von Ihnen, nicht so primitiv war, gehasst. Doch jetzt, nachdem ich von einem jener Ritter gepflegt worden war und besonders beachtet worden war, war ich endgültig ausgestossen aus ihrer Mitte und sie trachteten regelrecht nach meinem Leben. Ich getraute mich nicht mehr allein auf die Strasse, nachdem mich ein Kollege geschlagen und in den Fluss geworfen hatte, wo ich ertrunken wäre wenn meine Mutter nicht nach mir Ausschau gehalten hätte, war ich mir meines Lebens nicht mehr sicher. Ich wusste nichts anderes, als nach Sangea zu flüchten, zu Lucien. Ich erreichte die Stadt. Und konnte unbemerkt durch das Tor hineinschlüpfen. Fragte jemanden nach dem Stadtschloss der Ritter von Katalonien. Ich wollte dorthin gehen. Denn dort würde ich Lucien sicher treffen. Doch bald kam ich in eine enge Gasse und wurde aufgehalten. Knappen in Uniform standen Wache vor einem Riesenstein, der fast die ganze Gasse versperrte und mich hinderte zum Haus zu gehen, wo er wohnte. Sie belehrten mich, dass das Betreten dieses Quartiers für uns Einheimische verboten sei und hinderten mich daran, über den Stein zu klettern und weiterzugehen. Ich wartete einfach beim Stein, dass Lucien vorbeikam. Die Wächter schauten mich misstrauisch an, doch nachdem ich dreimal zurückgekommen war als sie mich wegjagten, gaben sie es auf. Doch Lucien kam einfach nicht vorbei. Ich hatte Hunger. Ich hatte Schrammen wo mich die Soldaten geschlagen hatten mit ihren eisernen Lanzen. Ein dicker arabischer Krämer sah mich und brachte mich zu sich heim. Er sagte, er wolle mich pflegen und mir zu Essen geben. Ich folgte ihm, denn ich glaubte mich sicher. Er blickte mich mit lieben Augen an und ich vertraute ihm. Doch kaum waren wir bei ihm zu Hause, schickte er seine Frau weg, um Wasser zu holen, schloss mich ein in sein Schlafzimmer, warf mich auf sein Bett und befahl mir, mich auszuziehen. Gleichzeitig zog er die Hosen aus und schaute mich mit geilen, lüsternen Augen an, sodass mir angst und bange wurde. In höchster Not blickte ich um mich. Gottseidank hatte es ein Fenster. Das war offen. Wieso, Fragt ihr  Weil es nötig ist, für meine Geschichte,  damit ich davonkomme und keusch bleibe für meinen Lucien. Wie er sich über mich neigte um mich auszuziehen, handelte ich blitzschnell. Ich gab ihm mit dem Fuss einen Tritt in seinen Schoss, sprang zum Fenster und stürzte mich hinab in die Gasse. Ins Ungewisse, fragt ihr! Wohin denn sonst? Es gab nicht anderes. Ich fiel nicht tief. Doch ich verlor zuerst meine Sinne. Gottseidank war ich bald wieder wach und konnte um mich schauen. Ich sass auf dem Boden in einer Gasse. Der Hintern tat mir weh, aber ich hatte nichts gebrochen. Um mich herum liefen bewaffnete Krieger im Harnisch, Bauern mit Kühen und Esel, Bäuerinnen mit Töpfen die sie auf dem Kopf balancierten. So viele Leute. Die rannten an mir vorbei, beachteten mich überhaupt nicht als sei ich Luft. Ich war auf das Dach eines Hühnerkäfigs gefallen. Von da war ich schräg weiter hinab gerutscht auf das Pflaster der Gasse. Die Hühner gackerten wie verrückt. Der Bauer sah mich, glaubte ich sei ein Dieb. Er schrie Zetter und Mordio. Kaum war ich zu Sinnen gekommen, musste ich sofort wegrennen, um mein Leben zu retten. Der Bauer lief hinterher mit einem Prügel, mit dem er mir über den Rücken schlug. Sofort rannten mir auch einige junge bewaffnete Krieger nach. Ich flüchtete in eine Seitengasse um ihnen zu entkommen. Doch jetzt war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Es war eine Sackgasse. Ein Knäuel junger Leute stand herum. Sie ergriffen mich, schlugen mich wieder bis ich bewusstlos war und liessen mich am Strassenrand liegen.

Doch Allah oder der Christengott in seinem Lorbeerstrauch, ich weiss nicht genau wer es war und halte mich lieber an beide, denn zwei sind sicherer als einer, hatten noch nicht über meinen Tod beschieden. Denn jetzt, wie ich so verwundet dalag, es mir so weh tat, dass ich mich nicht bewegen konnte, kam Lucien wieder vorbei. brachte mich in ein Haus ausserhalb der Ritterstadt wo er die Bewohner kannte. Dort wachte ich wieder auf, im Bett liegend, die Wunden gepflegt und verbunden.  Doch Lucien war nicht mehr bei mir. Ich wusste auch nicht, dass er mich entdeckt hatte, verwundet am Strassenrand liegend und den Schwestern gerufen hatte. Diesmal  pflegte mich ein weiblicher Engel. In einer Kutte einer Nonne. Sie redete mir ein, sie sei Lucien’s Schwester und konnte dies deshalb noch aushalten. Mein Engel ist dies, sagte ich mir. Der Schutzengel, wie es Lucien immer sagte. Und wunderte mich, dass auch ein Ungläubiger, wie ich, einen Schutzengel haben konnte. Ich konnte nicht mehr. Ich weinte. Ich wäre am liebsten gestorben und versuchte mir eines Nachts das Leben zu nehmen. Sie überraschte mich und in meiner Verzweiflung nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erklärte ihr, dass ich Lucien liebte. Sie lachte. Ich dachte mir, dass ich sowieso nicht mehr weiter leben mochte. Sie würde mich nicht verstehen, mich ihren Ordenshöheren verraten und die würden mich töten. Doch wie war ich überrascht! Sie gebot mir Stille und neigte sich zu mir hinab. Während sie mir die Wunde, die ich mir gemacht hatte, neu verband flüsterte sie mir ins Ohr, dass mich Lucien auch liebte, dass er fast jeden Tag vorbei kam um nach meinem Befinden zu fragen. Plötzlich wollte ich wieder leben. Es sang in meinem Innern. Lucien liebte mich, oh Glück, mich einen  Einheimischen Ungläubigen aus unehelicher Geburt.  Mich den er immer so schnöde links liegen liess. Lucien de Chatelainprais, ein Held, gut im Kriegshandwerk und gefeiert, Lucien liebte mich. Doch so einfach war es nicht. Mit Tränen in den Augen eröffnete sie mir, das falsche Weibsstück, das er mich nicht besuchen konnte im Kloster. Ich glaubte ihr, obwohl es mir schien, dass genügend verkleidete junge Männer im Kloster herumliefen. Es wimmelte von Gärtnern und wenn man genau hinsah, sah man, dass diese „Gärtner“ nicht einmal wussten wie man eine Spitzhacke richtig trug. Sie schleppten sie hinter sich her, wie ein Schweizer Krieger eben eine Hellebarde hinter sich her schleift. Doch ich wollte ihr glauben und die Nonne, seine Schwester, brachte mich heimlich weg, in ein Gutshaus, das einem Freund Luciens gehörte, wie sie mir sagte. Sie liess mich zurück unter der Obhut des Verwalters. Doch der sah mich missmutig an. Es war der arabische Krämer, der mich hatte missbrauchen wollen, das erste Mal, als ich Lucien suchte. Er pfiff durch die Zähne und sah mich voller Mitleid an. Er nahm mich beiseite und zeigte mir das Bild, das ich eben wieder in Istanbul beim Pascha Ibn Ali wiederfand. Der abgebildete Knabe war Lucien wie er vor Jahren gewesen war. Er drehte es um. Dahinter war eine handschriftliche Notiz. Es war in Handschrift, verschnörkelt und komisch geschrieben und ich  konnte es nur nach mehrmaligem buchstabieren entziffern. Aber die Namen konnte ich lesen, es stand der Name des Grossmeisters, den ich verschweigen will und nicht Lucien de Chatelainprais als zweiter Name, nein, sondern Ruiz de la Valla. Der dicke Krämer lachte. Milchbruder Karls V. sei dieser Ruiz, erklärte er mir. Die beiden hätten eine tiefe Freundschaft miteinander entwickelt, zum Missmut vom Beichtvater Karls, der Benediktiner war und als Inquisitor die Sünder innerhalb der Kirche ausrotten wollte. Karl verschiffte ihn nach Malta und handelte es mit den christlichen Rittern aus, dass Ruiz Vizegrossmeister des Ordens aufgenommen wurde gegen ein fürstliches Entgelt, nämlich die Schenkung der Insel Malta an den Grossorden.

Das war für mich zu gefährlich. Vizegrossmeister wurden meist von der Inquisition bewacht und der Verwalter wusste über unsere Freundschaft. Ich flüchtete. Der lachende dicke Krämer lieh mir den Schador und den Rock einer Frau. Verkleidet als Frau  kehrte ich zurück zu meinem Dorf.

Die anderen lassen mich jetzt in Ruhe, ich bin der Bechtai, die dunkle, verachtete und bin eigentlich verachtet doch auch gefürchtet. Denn der Geist, der mit mir verheiratet ist, beschützt mich.  Doch Mustafa, der Stiefvater, der mich immer missbrauchte, und den meine Mutter endlich weggejagt hatte, verschmachtete nach mir. Heimlich des Nachts schlich er sich zu der Hütte, wo ich schlief. Band mich fest. Entführte mich in einem Boot  und wollte mich wieder vergewaltigen. Doch er war zu faul um selbst zu rudern. Kaum einige Meter draussen, auf dem Meer, löste er meine Banden und befahl mir zu Rudern.  Ich erschlug ihn mit dem Ruder. Seine Leiche fiel seitwärts ins Meer und das Boot kenterte. Mit Mühe konnte ich auf den Kiel steigen und mich rittlings darauf setzen. Da ich den Kahn so nicht steuern konnte, wurde ich von den Strömungen des Meeres die ganze Nacht lang getrieben und landete auf dem Sandstrand eines mir unbekannten Fischerdorfes. Dort kroch ich ans Land und wurde von einer lieben Witwe aufgenommen. Wieso gerade ich. Der Perverse der nicht so lebt, wie andere leben! Ich weiss es nicht. Ich kann es mir nur erklären, dass es war, weil sie mich nicht kannte. Und nicht wusste, dass sie den Teufel in Person bei sich aufgenommen hatte. Sie wird es später mal bitter bereuen, dessen bin ich mir sicher. Denn der christliche Gott, an den alle Bewohner der Insel inzwischen glauben, wird ihr die gerechte Strafe senden, sitzend hinter dem brennenden Dornenbusch und wird wie es so ist, alle Unschuldigen treffen.

Ich weiss es inzwischen. Gott hat gestraft. Das Dorf wurde von arabischen Seeräubern überfallen. Sie ermordeten die Männer und nahmen Frauen und Kinder als Beute mit. Meine Witwe erschlugen sie mit der Schiffstange, weil sie nicht annahmen, dass sie für sie viel einnehmen würden auf dem Sklavenmarkt und sie nicht durchfüttern wollten. Mir, dem Perversen, Ungläubigen, Andersartigen, half der Teufel. Sie hatten mich nicht gesehen, wie ich im Dunkeln in der Hütte lag. Während sie sich mit der Witwe befassten, konnte ich unerkannt flüchten, nahm ein Boot und wollte nach nach Gozo rudern. Doch ich kam nicht weit. Ich hatte ein dringendes Bedürfnis und musste zurück an Land. Als ich am Strand anlegte und der Strasse entlang ins Landesinnere lief um mein Bedürfnis zu erledigen, hörte ich Schreie, Waffengeklirr und sah am Horizont Feuersflammen. Ich war mir sicher, die Piraten hatten meine Flucht entdeckt und waren mir gefolgt! Wieder half mir der Teufel aus dieser Patsche. Und ich muss sagen, lieber lasse ich mich vom Teufel helfen, als dass ich vergewaltigt werde während der Christengott hinter dem Dornenbusch versteckt zuschaut! Ich kauerte gerade im richtigen Augenblick hinter den Büschen und drückte, als ich sah, wie alle Dorfbewohner gefesselt auf der Strasse zum Hafen getrieben wurden und auf Schiffe verladen wurden. Kaum war es wieder ruhig, rannte ich schnell wieder zurück zum Strand wo ich mein Boot gelassen hatte. Dem Teufel sei Dank, es hat mich niemand gesehen und das Boot war auch noch unbehelligt dort. Ich ruderte schnell wieder ins Meer hinaus. Die Araber bemerkten mich nicht, weil sie  anderes zu tun hatten. Auf Gozo ginge ich dann an Land, vergrub das Schiff im Sand und versteckte mich wieder hinter den Büschen. Die Piraten kamen zwar auch nach Gozo, fanden mich aber nicht. Ich hörte später, dass sie auch die Frauen und Kinder dieser Insel gefangen nahmen und einschifften um sie in den zwischendurch angelaufenen Häfen als Sklaven zu verkaufen. Mich, den Perversen, Ungläubigen, Andersartigen, fingen sie nicht. Ich wanderte weiter bis nach Rabat.

Dort fand ich Unterschlupf in einer Höhle.  Dann las mich Ali auf. Er war jung, in der Blüte und so schön. Ich verliebte mich in ihn, vergass mich selbst. Wir taten uns zusammen und bettelten und stahlen in den Gassen. Bis ich plötzlich wieder von Ruiz, der sich ja Lucien de Rubainprès nennt, entdeckt wurde. Er liess mich einfangen und nahm mich wieder auf bei sich. Er brachte mich wieder nach Sengrea. Er liess mich taufen, nannte mich Manuel und lehrte mich die spanische Sprache, gab mir Bücher über die Geschichte und die Religion zum Lesen. Plötzlich teilte er mir mit, er müsse weg, auf Mission in heidnische Gebiete gehen um Ungläubige, wie ich es gewesen war, zu bekehren. Hinter der Hand teilte er mir mit, dass Missionieren eigentlich hiess, auf der afrikanischen Küste zu rauben und zu plündern, Frauen und Kinder zu versklaven und teuer zu verkaufen und gutes Lösegeld dafür zu erhalten. Diese Christen, dachte ich mir, denn eigentlich war ich immer noch in meinem Innern ein Heide und hütete mich, das gegen Aussen zu zeigen, wissen gut, wie man sich ausdrücken kann, damit es nicht nach primitiv klingt, das was sie machen! Denn damit beschafften die Verteidiger der Kirche, sagte er mir, die christlichen barmherzigen Ritter, sich  Geld, um Waffen zu beschaffen und sich Türken vom Hals zu halten. Er überliess mich wieder der Obhut seines Verwalters. Dieser dachte nicht, dass er bald von seiner Mission heimkehren würde. Da er mich nicht sonderlich liebte, warf mich hinaus, d.h. er verkaufte mich an einen syrischen  Händler als Sklaven.  Er rechnete sich vor, er könne mich an den Hof von Istanbul verkaufen. Jedermann wusste, der Sultan, dieser Ungläubige, Suleiman der Prächtige, wie er sich nannte, liebte nicht nur Frauen, sondern als besondere Leckerbissen auch Jünglinge. Vornehmlich Christen zogen ihn an, weil er sich dann vorstellen konnte, wie er seine Feinde vögelte.  Starke christliche Sklaven nützte er sexuell aus,  entmannte sie und reihte sie dann in seine Janitscharen ein. Da sie von ihren christlichen Mitbürgern und von ihrem Gott sowieso als Perverse und Ketzer gehalten wurden, hatten sie im Christentum nichts mehr zu verlieren und setzten sich für die Religion der Ungläubigen ein, sie galten besonders tapfere und rücksichtslose Kämpfer.

Wieder half mir der Teufel. Der Kapitän des Schiffes verliebte sich in mich. Ich erzählte ihm, den Matrosen und Offizieren von meinem ehemaligen Liebhaber und er wusste, dass ich ein Perverser war. Der Kapitän wässerte im Hafen von Byzanz. Die Offiziere entführten mich, als der Kapitän sich komplett besoffen hatte. Sie führten mich an Land, weil sie mich für teures Geld dem ehemaligen Verwalter von Ruiz’ Landhaus, der an den Hof von Suleiman dem Prächtigen geflüchtet war und dort eine hohe  Position bekleidete, verkaufen wollte. Wie ich es ja sagte, hat mich stattdessen Selim, der Koch des Pascha, gekauft. Dann begegnete ich Ali und da Ali alles was er hat mit seinem geliebten Bruder teilt, wurde ich auch an Suleiman ausgeliehen! Ich habe gehört, Selim hat es mir gesagt, dass sie daran dachten, mich zu kastrieren, um mich zu den Janitscharen zu stecken!  Doch wie durch ein Wunder und vielleicht Dank dem Einsatz Alis entkam ich. (Ich frage mich, ob Ali vielleicht deshalb der Handlanger des Teufels ist, doch das scheint mir unmöglich, denn dazu ist er viel zu nett.) Vielmehr glaubte ich, dass ich Ali viel zu lieb war, als dass er mich auf einem Kriegszug an den Feind verlieren wollte.  Später jedoch wurde mir gesagt, von Selim wieder, , dass mich die Mutter Süleimans selbst in Schutz genommen habe und Süleiman überzeugt habe, mir die Männlichkeit zu lassen. Jetzt verstehe ich, wieso sie mich immer so lüstern anschaute. Deshalb schlüpfte ich, ihr zuliebe, auch unter ihre Bettdecke. Es war der Horror, muss ich zugeben, ein altes Weib, voller Runzeln, die sie mit Schminke zu übertünchen versuchte! Gottseidank wurde sie vergiftet, bevor sie mich satt hatte, sonst wäre ich vergiftet worden von ihr. Ich wurde eingezogen in Süleimans Garde, aber nicht zu den Janitscharen, mitgenommen für den Feldzug zur Rückeroberung von Malta, den mein Freund, der ehemalige Verwalter befehligte. Er starb vergiftet von Janitscharen auf dem Feldzug.  Die hatten es eigentlich auf mich abgesehen, wollten mich vergiften, bestrafen, weil ich den geheimen Eingang nach Sangrea nicht verraten wollte. Immer noch liebte ich Lucien, respektive Ruiz, der inzwischen geflüchtet war und wieder in Malta war und wollte ihn nicht in den sicheren Tod verraten. Sicher wäre er so dumm und würde sich nicht ergeben oder flüchten, sagte ich mir, er würde kämpfen bis zum sicheren Tod und wäre nachher für mich verloren. Ich wollte Lucien oder eben Ruiz nicht verlieren. Die Flucht gelang mir und ich kam auf abenteuerlichen Wegen in die Ritterburg, wo ich Lucien suchte. Ich fand ihn und wir feierten unser Wiederfinden und es war sicher schöner als es je gewesen war, weil ich viel gelehrt hatte, am lasterhaften Hof des türkischen Sultans, besonders von der Mutter Süleimans und ihren Kurtisanen.
Als die Türken angriffen, kämpften wir Seite an Seite, ich habe mich freiwillig gestellt, weil sie alle Männer brauchten. Ich, der Ungläubige,  kämpfte gegen die Ungläubigen für die Christen, die ich hasste. Lucien geriet in Gefangenschaft. Lange glaubte ich, er sei tot. Ich hörte, sie wollten ihn wie die anderen Gefangenen kreuzigen, das Kreuz ins Wasser werfen und es schwimmen lassen bis das Holz morsch würde und sinken würde. Doch er wurde gerettet von einem Türken und wollte fliehen, wurde aber wieder von Piraten gefangen und nach Istanbul gebracht.
Ich bin auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Istanbul um ihn zu suchen. Leider habe ich ihn bis jetzt nicht gefunden. Heute bin ich ein alter Mann, runzlig, habe alle meine Haare auf dem Kopf verloren und habe meine jugendliche Verliebtheit verloren. Ich warte nur noch auf den Tod. Mein Leben habe ich genossen, obgleich ich es nicht leicht hatte. Doch im Nachhinein habe ich die Mühen und Sorgen meines Lebens vergessen. Wenn ich im Hofe des Harems des Nachfolgers sitze, des ehemaligen Paschas von Suleiman dem Prächtigen, des Paschas von der Steilen Kliffe, ibn al Marusa ben la Galuda, dessen Kopf im Marktplatz auf einem Stecken gesteckt auf das fröhliche Treiben des Marktes hinabblickt und den vielen Söhnen und Töchter des heutigen Paschas meine Lebensgeschichte erzähle, wird es mir wieder ganz warm im ganzen Körper wenn ich ihnen von leuchtenden wunderhübschen Lucien de Rubempret oder eben Ruiz, dem Helden und Heidentöter, Missionar und Piraten, erzähle.
Gott sei allen selig die an ihn glauben, ob er nun in Gestalt des Allmächtigen als säuselnder Wind oder als Helden der Ungläubigen auftritt!

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